Warum Fitness Tracker für die Schlafanlayse nichts taugen

Bei Fitness Trackern und Smartwatches gehört die Schlafanalyse zu den beliebtesten und meistgenutzten Features. Aber wie wird der Schlaf gemessen und wie genau sind diese Daten.

Warum wir schlafen

Ein erholsamer Schlaf ist wichtig und trägt entscheidend zu unserem Wohlbefinden bei. Es gilt als wissenschaftlich belegte Tatsache, daß sich zu wenig oder schlechter Schlaf auf Dauer negativ auf die Gesundheit auswirkt. Immerhin nützt der Körper und das Gehirn die Nachtruhe zur

  • Regeneration und Erholung
  • Verarbeitung neuer Informationen und Eindrücke
  • Stärkung des Immunsystems
  • Entwicklung und Erhalt von Muskeln und Knochensubstanz
  • Abbau diverser Stoffwechselprodukte wie z. B. Fett oder Zucker

Schlafen wir zu wenig oder einfach schlecht, bekommt der Körper nicht genug Gelegenheit um diese Instandhaltungsmaßnahmen ausreichend durchzuführen, was teilweise schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Schlafmangel zeigt sich durch

  • Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen
  • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
  • Aufmerksamkeitsverlust und verlangsamtes Reaktionsvermögen
  • Antriebslosigkeit

Hält der Schlafmangel über längere Zeit an, kann das zu verschiedenen Erkrankungen und Beschwerden führen, wie z.B.

  • Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck
  • Diabetes
  • Gewichtszunahme
  • Erhöhte Infektanfälligkeit
  • Vorzeitige Alterungsprozesse im Körper
Ein erholsamer und ausreichender Schlaf ist für Kinder und Erwachsene gleichermaßen wichtig und fördert Gesundheit und Wohlbefinden

Polysomnographie – so wird der Schlaf gemessen

Menschen, die dauerhaft unter Schlafstörungen leiden, wird der Besuch und die Untersuchung in einem Schlaflabor empfohlen, in dem eine sogenannte Polysomnographie durchgeführt wird.

Dabei werden mittels Elektroden und Sensoren die Gehirnströme (Elektroenzephalographie – EEG), Augenbewegungen (ElektroOkuloGraphie – EOG) und Muskelspannungen (Elektromyographie – EMG) aufgezeichnet. Zusätzlich werden die Atemanstrenung und Luftfluss an Mund und Nase, wie auch die Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen.

Auf Basis dieser gesammelten Daten lassen sich auch die verschiedenen Schlafphasen ableiten. Nach der Einschlafphase folgt der Zeitabschnitt des leichten Schlafes. Danach gleitet man üblicherweise in die beiden Tiefschlafstadien drei und vier über und zum Schluss landen wir im Traum bzw. REM-Schlaf (REM = Rapid Eye Movement – Schnelle Augenbewegungen).

Diese fünf Phasen stellen einen Schlafzyklus dar und schlafen wir ausreichend dann durchlaufen wir vier bis fünf mal den gesamten Zyklus.

Die Polysomnographie gilt aktuell als der Goldstandard in der Schlafforschung und liefert die genauesten Daten hinsichtlich Schlafdauer und Schlafqualität.

Und wie messen Fitness Tracker den Schlaf

Moderne Fitness Tracker und Smartwatches verfügen über Bewegungssensoren, Pulssensoren und einige wenige Modelle auch über SpO2-Sensoren zur Messung der Blutsauerstoffsättigung.

Mittels dieser technischen Ausstattung sind die Geräte nur in der Lage Aktivitäts und Ruhezyklen aufzuzeichnen und können ergänzend dazu – je nach Modell – einige Vitalwerte wie Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Atemfrequenz oder Sauerstoffsättigung des Blutes bereitzustellen.

Anders formuliert führt ein Fitness Tracker keine Schlafanlayse durch, sondern nur eine sogenannte Aktivgraphie. Bei diesem in der Schlafmedizin anerkannten Verfahren wird aufgrund des Bewegungsprofils nur die Schlafdauer gemessen.

Jedoch sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß viele Geräte selbst bei der einfachen Messung der Schlafdauer an ihre Grenzen stoßen. So werden oft bereits wenige Bewegungen während des Schlafes als Wachphase interpretiert, weshalb es zu deutlichen Fehlmessungen und einer völlig ungenauen Schlafanalyse kommt.

Aufgrund anderer fehlender Messungen wie EEG, EOG oder EMG werden aber keine Informationen zur Schlafqualität gesammelt.

Kurz gesagt – ein Fitness Tracker hilft Dir dabei herauszufinden WIE LANGE Du schläfst aber nicht WIE GUT Du schläfst.

Trotzdem gibt es einige wenige Geräte, die zumindest grobe Rückschlüsse zulassen, wie erholsam der Schlaf war. Aus meiner eigenen Erfahrung möchte in diesem Zusammenhang die Polar Modelle Vantage V, Vantage M und Ignite nennen.

So konnte ich beobachten, daß die Sportuhren zuverlässig schlechtere Schlafdaten lieferten, wenn ich zum Beispiel am Vorabend Alkohol getrunken hatte, krank war ( Eine Nacht mit Zahnschmerzen und mehrere Nächte mit einer leichten Verkühlung ) oder es mit dem Training übertrieben habe.

Wenn die Schlafanalyse Dir den Schlaf raubt

Seitdem es Fitness Tracker mit Schlafüberwachung gibt, beschäftigen sich immer mehr Nutzer mit dem eigenen Schlafverhalten. Das trifft besonders auf Menschen zu, die schon seit längerer Zeit unter Schlafstörungen leiden und natürlich die Ursachen dafür herausfinden wollen.

Dabei scheint aber nun laut einer im Journal of Clinical Sleep Medizin veröffentlichen Fallstudie ein weiteres Problem zu entstehen. Die Studie ergab, dass die Patienten aufgrund der Messungen ihrer Schlaf-Tracking-Geräte so sehr mit der Verbesserung ihrer Schlafdaten beschäftigt waren, dass diese Beschäftigung zusätzlichen Stress verursachte und damit etwaige Schlafstörungen noch verschärften.

Selbst als Ärzte einer Patientin nach einer Polysomnographie einen guten und ausreichend langen Schlaf bestätigten, war sie noch immer davon überzeugt ein Schlafproblem zu haben, da ihr Fitness Tracker schlechte Daten lieferte.

Im Zusammenhang mit diesem neu auftretenden Phänomen wurde der Begriff Orthosomnie – die Suche nach dem perfekten Schlaf – geprägt.

Fazit

Die Schlafmedizin würde sich freuen, wenn es tatsächlich zuverlässige Messgeräte gäbe, die einfach am Handgelenk getragen werden können, anstatt Patienten mit unzähligen Sensoren im Schlaflabor verkabeln zu müssen.

Leider können Fitness Tracker und Smartwatches aufgrund ihrer technischen Ausstattung aktuell nur die Schlafdauer messen und selbst diese Daten sollten mit Vorsicht verwendet werden.

Doch auch wenn es möglich wäre mit einem Fitness Tracker eine Polysomnograpie durchzuführen, wäre man als Betroffener mit Schlafstörungen kein Stück weiter. Man wüsste zwar aufgrund verschiedener Messdaten nun „offiziell“, daß man nicht ausreichend lange und gut schläft, kann aber über die Ursachen, sofern es nicht gesundheitliche Gründe sind, nur spekulieren.

Unzählige Faktoren wie Stress, mangelnde Bewegung, schlechte Ernährung, Temperatur und Luftqualität im Schlafzimmer, etwaige Geräte in nächster Umgebung und vieles mehr hat Auswirkungen auf die Schlafdauer und qualität.

So kann zwar eine Schlafanalyse – im Labor oder mittels Fitness Tracker – Hinweise auf eine Schlafstörung liefern, die Ursache dafür, kann aber nur über eine Änderung des Schlafverhaltens und der Schlafumgebung herausgefunden werden.

Ich habe bereits in der Vergangenheit in meinen Testberichten zu den verschiedenen Geräten die Schlaffunktion bestenfalls nur erwähnt und werde dieses Feature auch in Zukunft nicht näher behandeln.